DRINNEN KüHLE, DRAUßEN HEIßE LUFT: WIE KLIMAGERäTE DIE STADT ZUSäTZLICH ANHEIZEN

Das Thermometer in der Dachgeschosswohnung zeigt 29 Grad Celsius. Zehn Grad weniger als draußen. Es fühlt sich (fast) angenehm an. Die aktuelle Hitzewelle rollt auf ihren Höhepunkt zu. In Wien-Stammersdorf wurde am Dienstag der Allzeit-Rekord geknackt: 41 Grad. Die Hitze belastet urbane Räume besonders stark. Denn hier konzentrieren sich versiegelte Flächen, dichte Bebauung, wenige Grünräume und Wärmequellen wie Verkehr und Klimaanlagen. Letztere brummt auch in der Dachgeschosswohnung. Drinnen macht sie das Leben für die Bewohner erträglicher. Draußen heizt sie jedoch die Luft zusätzlich auf.

Dass Klimaanlagen aufgrund ihres Energieverbrauchs CO2 ausstoßen und damit das Weltklima weiter verschlechtern, ist allgemein bekannt. Weniger im Gespräch ist jedoch ein zweiter Effekt: Sie heizen auch ganz lokal die Umgebung immens auf – zusätzlich zur ohnehin grassierenden Hitze.

Klimaanlagen funktionieren im Prinzip wie Wärmepumpen, nur umgekehrt. Sie entziehen dem Innenraum Wärme und leiten diese nach außen ab. Etwa in Form von Schläuchen mobiler Klimageräte, wie man sie in Wien derzeit in vielen Fenstern hängen sieht. Wenn keine Außenbeschattung vorhanden ist und Lüften in der Nacht kaum einen Effekt hat, sind sie für viele Bewohner oft die einzige Möglichkeit, ihre Räume abzukühlen. Doch sie sind laut, verbrauchen viel Strom und erzeugen Wärme. "Klimageräte geben die warme Abluft direkt an die Umgebung ab", sagt der Landschaftsplaner Thomas Thaler von der Universität für Bodenkultur in Wien. Dadurch wird der Effekt von sogenannten Hitzeinseln noch verstärkt. Sie speichern die tagsüber aufgenommene Hitze und strahlen sie in der Nacht ab. Ein Faktor, der Tropennächte begünstigt.

Einzelne Klimageräte sieht Thaler noch nicht als problematisch an. Erst wenn ganze Gebäude mit Klimaanlagen ausgestattet sind, zeigt sich ein messbarer Effekt. Viel gravierender wirken sich seiner Meinung nach aber große Kühlanlagen, etwa in Einkaufszentren, aus. "Sie transportieren sehr viel warme Luft in den ohnehin aufgeheizten Boden. Es entstehen unterirdische Hitzeinseln, das Grundwasser erwärmt sich", sagt Thaler.

Wie stark Klimageräte das Stadtklima beeinflussen, belegen zahlreiche Studien. Forscher modellierten für Paris eine neuntägige Hitzewelle, in deren Nächte Klimageräte laufen. Die Lufttemperatur erhöhte sich dadurch um 2,4 Grad. Ähnliche Berechnungen in anderen Studien zeigen eine Erhöhung von 2,2 Grad in Singapur und mehr als ein Grad in Phoenix.

Künftig doppelt so viel Kühlbedarf wie heute

Künftig soll es laut Klimaforschern mehr, längere und intensivere Hitzewellen geben. Wie sich das auf die Kühlung von Gebäuden in Österreich auswirkt, zeigt eine Boku-Studie aus dem vergangenen Jahr. Die Forscher zeichnen ein ernstes Szenario: Bis 2050 wird sich der Kältebedarf mehr als verdoppelt: Von 2,5 Terrawattstunden (TWh) im Jahr 2021 auf bis zu 6,3 Terrawattstunden im Jahr 2025. Zum Vergleich: Die Stadt Wien hat einen jährlichen Stromverbrauch von rund 7 TWh. Zwei Drittel des Kältebedarfs entfallen auf Wohnungen, ein Drittel auf Büros. Die Boku-Studie prognostiziert für Ostösterreich und die Städte den höchsten Anstieg an Kühlbedarf.

Eine Kühlung der Räume sei unausweichlich, sagt Bernhard Sommer, Vizepräsident der Kammer der Ziviltechniker, Architekten und Ingenieure. "Der Mensch braucht ein gewisses Klima, um arbeiten und schlafen zu können. Klimaanlagen können ein Teil der Lösung sein", sagt Sommer. Besonders vulnerable Gruppen wie ältere und pflegebedürftige Menschen müssen vor der Hitze geschützt werden. Und schon ist man bei der sozialen Frage. Wer hat Anspruch auf eine Klimaanlage, wer kann sie sich leisten? Das Mikroklima ist ungerecht verteilt. Für die einen sind klimatisierte Räume ein Segen. Die anderen fühlen sich vom Lärm und der warmen Abluft gestört.

Die Politik reagierte jedenfalls bereits auf die Belastung durch Hitzewellen. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) will den Einbau von Klimaanlagen erleichtern. Bisher scheitert ein Einbau oft am Einspruch von Vermietern bzw. anderen Wohnungseigentümern. Statt wie bisher nur in Ausnahmefällen erlaubt die Stadt Wien nun generell den Einbau von Klimageräten in Gemeindebauwohnungen. Laut Wiener Wohnen sind bisher 778 Ansuchen auf eine Klimaanlage gestellt worden, 149 davon wurden bereits bewilligt, 85 wurden abgelehnt. (Michael Ortner, 04.08.2026)

2026-08-05T07:12:40Z