MIETE SPAREN DURCH DEN JOB: DIESE FIRMEN GEHEN JETZT NEUE WEGE

Der Job ist perfekt, das Gehalt passt, das Team auch. Und dann kommt die Frage, die inzwischen oft entscheidet: „Haben Sie schon eine Wohnung?“ Ein junger Techniker aus Deutschland, frisch angeworben für einen Industriebetrieb in Westösterreich, zögert kurz. Drei Wochen später ist er da. Nicht, weil er schneller oder erfolgreicher gesucht hat als andere, sondern weil die Wohnung bereits organisiert war. In vielen Unternehmen gehört diese Frage heute zum Recruitingprozess, als entscheidender Baustein.

Werkswohnungen bzw. Personalunterkünfte galten lange als Relikt aus anderen Zeiten, heute erleben sie ein bemerkenswertes Comeback, nicht nur im Tourismusbereich. Steigende Mieten, ein angespannter Wohnungsmarkt und der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte haben dazu geführt, dass Unternehmen wieder stärker Verantwortung für die Unterbringung ihrer Mitarbeiter übernehmen. Unternehmen reagieren darauf mit Angeboten, die über den klassischen Arbeitsplatz hinausgehen.

Das hat mehrere Gründe: In Ballungsräumen ebenso wie in industriell geprägten Regionen sind leistbare Wohnungen knapp, gleichzeitig verschärft der demografische Wandel den Wettbewerb um Personal. Hinzu kommt ein praktischer Faktor: Wer für einen neuen Job übersiedelt, braucht sofort eine Lösung.Genau hier setzen zeitgemäß agierende Unternehmen an. Statt Mitarbeiter durch einen angespannten Wohnungsmarkt zu schicken, liefern sie die Lösung gleich mit – zumindest für eine Übergangszeit, die je nach Unternehmen von mehreren Monaten bis zu einigen Jahren variiert. 

Dabei zeigt sich auch eine klare Verschiebung in der Qualität: Während frühere Werkswohnungen standardisiert waren, orientieren sich heutige Modelle an individuellen Lebensrealitäten: Flexible Grundrisse, möblierte Einheiten und Zusatzservices wie Reinigung, Mobilitätsangebote oder Gemeinschaftsflächen sind Teil eines umfassender gedachten Angebots.

Bei den ÖBB ist dieses Umdenken sichtbar. Mit dem Projekt „ELFI im Zehnten“ entstehen bis 2028 insgesamt 121 neue Mitarbeiterwohnungen in Wien, es ist der erste Neubau dieser Art seit fast 50 Jahren. „Als einer der größten Arbeitgeber Österreichs denken wir bewusst über den Arbeitsplatz hinaus“, sagt Silvia Angelo, Vorständin der ÖBB-Infrastruktur AG. Der Hintergrund ist klar: Generationenwechsel, steigender Personalbedarf und ein Arbeitsalltag, der besondere Anforderungen stellt. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeitet im Schichtdienst – rund 22.600 Menschen. Für diese ist Wohnen nicht nur eine Frage des Komforts, sondern eine der Regeneration und letztlich auch der Sicherheit. „Erholsamer Schlaf ist keine Komfortfrage, sondern Voraussetzung für konzentriertes Arbeiten“, bringt es Angelo auf den Punkt.

Schichtarbeiter-Wohnungen

Diese Erkenntnis fließt in die Planung des Projekts „ELFI im Zehnten“ ein. Rund 20 Prozent der Wohnungen sind speziell auf Schichtarbeit ausgerichtet – mit funktional getrennten Schlafbereichen, erhöhtem Schallschutz, flexibler Verdunkelung und einem Lichtkonzept, das Aufwach- und Einschlafphasen unterstützt. Gleichzeitig bleibt ein Grundprinzip erhalten, das historisch tief verankert ist: Die Wohnung ist an das Dienstverhältnis gekoppelt. „Das stärkt die Bindung an uns als Arbeitgeber und macht uns gleichzeitig am Markt für Neuaufnahmen attraktiv“, so Angelo. Was früher selbstverständlich war, wird heute strategisch eingesetzt und neu interpretiert.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Plansee Holding AG in Tirol. Dort ist das Thema Mitarbeiterwohnen seit rund 75 Jahren Teil der Unternehmensstrategie und wurde kontinuierlich weiterentwickelt. „Für uns ist Wohnen weit mehr als Infrastruktur – es ist ein Erfolgsfaktor“, sagt Vorstandsvorsitzender Karlheinz Wex. Das Angebot ist entsprechend differenziert. Es beginnt bei WG-Zimmern für Praktikanten und junge Mitarbeitende und reicht über voll möblierte Apartments für internationale Fachkräfte bis hin zu Reihen- und Einfamilienhäusern. „Durch diese Vielfalt schaffen wir Lösungen für ganz unterschiedliche Lebenssituationen“, erklärt Wex. In einer Region wie Reutte, wo der Wohnungsmarkt trotz Bautätigkeit angespannt bleibt, ist das ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte. Karlheinz Wex: „Unsere Mitarbeiter bekommen unkomplizierte und unbürokratische Lösungen zu fairen Konditionen. Für viele ist das der ausschlaggebende Punkt, um sich für uns zu entscheiden.“

Das reduziere nicht nur den Druck beim Einstieg, sondern wirkt sich auch langfristig aus. „Wer gut wohnt, fühlt sich schneller zuhause – und bleibt länger.“ Ein Aspekt wird dabei oft unterschätzt: Mitarbeiterwohnungen schaffen nicht nur individuelle Lösungen, sondern wirkt auch stabilisierend auf ganze Standorte. Wo Wohnraum knapp ist, entscheiden solche Angebote darüber, ob Regionen wirtschaftlich wachsen können oder an ihre Grenzen stoßen.

Dass sich das Thema Mitarbeiterwohnungen nicht zwangsläufig über eigene Bauprojekte definieren muss, zeigt Infineon Technologies Austria in Villach. Das Unternehmen setzt auf Kooperationen mit Bauträgern und Relocation-Services. „Klassische Werkswohnungen sind aus unserer Sicht nur eingeschränkt geeignet“, sagt Personalchefin Christiana Zenkl. Stattdessen werden Kontingente in Neubauprojekten gesichert und flexible Lösungen geschaffen, die sich an unterschiedliche Lebensphasen anpassen lassen. Ein zentraler Baustein sind temporäre Angebote. 

„Gerade beim Start in einen neuen Job können Business-Apartments den Einstieg entscheidend erleichtern“, so Zenkl. „Neue Mitarbeiter gewinnen Zeit, sich vor Ort zu orientieren, ohne den Druck zu haben, sofort eine langfristige Lösung finden zu müssen.“ Ergänzt wird dieses Modell durch gezielte Unterstützung bei Behördengängen, Wohnungssuche und Integration – gerade für internationale Fachkräfte ist das hilfreich.

Standard hat sich verbessert

Zwischen diesen Modellen spannt sich ein breites Feld auf. Traditionelle Werkswohnungen, wie sie etwa die voestalpine seit Jahrzehnten betreibt und immer wieder modernisiert, stehen neben gewachsenen Strukturen wie beim niederösterreichischen Familienunternehmen Riess, wo elf Betriebswohnhäuser als willkommene Übergangslösung dienen.

Was sich jedoch verändert hat, ist die Qualität und der Anspruch. Weg vom funktionalen Minimalstandard, hin zu Wohnraum, der den Lebensrealitäten der Mitarbeitenden entspricht – flexibel, leistbar und zunehmend auch hochwertig. Dass dieses Thema längst über Hotellerie und Gastronomie sowie Industrie hinausgeht, zeigt ein Blick nach Vorarlberg. Am Landeskrankenhaus Feldkirch entstehen derzeit 70 neue Dienstwohnungen, die bis Ende 2026 fertiggestellt werden.

Was sich tut, ist mehr als eine Rückkehr zu den alten Modellen betriebseigener Dienstwohnungen. Es ist eine Neuinterpretation nach zeitgemäßen Maßstäben. Oder, anders gesagt: Die Wohnung ist nicht mehr nur Teil des Lebens, sie wird zunehmend Teil des Jobangebots von Unternehmen – und entlastet so Wohnungsmärkte, da Bewerber sich nicht am privaten Wohnungsmarkt umschauen müssen.

Neue Dienstwohnungen beim Krankenhaus

Dienstwohnungen sind auch im Gesundheitswesen kein neues Phänomen. Neu ist aber, mit welcher Dringlichkeit das Thema wieder aufgegriffen wird.  Und auch  in welcher Qualität.  Am Landeskrankenhaus Feldkirch werden derzeit 70 Wohnungen für Mitarbeitende, verteilt auf vier Gebäude, neben dem Spital errichtet. Die Wohnungen, entworfen von Querschnitt Architekten in Wolfurt, sind unterschiedlich konzipiert – kompakte Einheiten bis zur Familienwohnung. Das Bauvorhaben umfasst neben den Wohnungen, Dienstleistungsflächen im Erdgeschoss und eine Tiefgarage. 

Eine zentrale Nahwärmeversorgung und ein Quartiersplatz sind Teil des Konzepts. Bauherr ist die Wohnbauselbsthilfe (WS), die Krankenhausbetriebsgesellschaft tritt als Generalmieterin auf. „Mit diesem Projekt setzen wir einen entscheidenden Schritt, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben und neue Fachkräfte zu gewinnen“, so die Geschäftsführer der Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsgesellschaft. Geschäftsführer Thomas Schöpf: „Trotz herausfordernder Rahmenbedingungen können wir Stabilität und Verlässlichkeit bieten.“ Die Fertigstellung ist für Ende 2026 geplant. Das Projekt soll die Wohnsituation für Fachkräfte des Krankenhauses verbessern und den Gesundheitsstandort Feldkirch stärken. - Susanna Pikart

2026-10-03T04:40:28Z